Sonntag, 24. Februar 2008

Wenn die Zeit gekommen ist.

Vorwort
Die folgende Geschichte ist traurig.
Sie hat kein fröhliches Ende.
Seid gefasst.

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Als die Sonne sich senkte und die Welt in ein trauriges Zwielicht
tauchte, verließ das Leben die Frau mit den letzten Strahlen
der Sonne.
Der Mann hatte in der Stube Kerzen entzündet, deren
neckisches Flackern tiefe Schatten in ihr bleiches
Gesicht warfen.
Ein Ausdruck niegeahnter Traurigkeit lag auf ihrem Gesicht.
Trauer und Resignation sprachen ihre Augen, deren
Lachen einst das Herz des Mannes erwärmt und schließlich zum
Schmelzen gebracht hatte.

Sie hatte gekämpft
-
und verloren.

Ihr einst so schöänes Gesicht lag nun da, wie ein
Apfel in der Sonne. Verwelkt, ausgedorrt und einsam,
wenn sich auch nicht allein war.
Der Mann war die ganze Zeit bei ihr, obleich es ihm
sein Herz zerriss, sie so zu sehen. Sie, die nie ein Sturm
hatte umwerfen können. Die eine Nacht durchgetanzt
hatte und, nachdem die Kapelle vor Müdigkeit zum letzten
Tanze gerufen hatte, immer noch voller Übermut zu der
Musik ihres Herzschlages getanzt hatte.
Unersättlich hatten sie sich geliebt.
Oft, so schien es, nur von ihrer Liebe zehrend hatten
sie die ersten Jahre verbracht.

Dann als das Alter Einzug hielt, die Ruhe und Weisheit kam,
wie das Grau in ihren Haaren, dass sie nie versteckt hatte,
war sie noch voller Lebenslust und im inneren
immer noch das junge Mädchen, in das sich der Mann verliebt hatte.

Doch nach dem letzten Winter begann dieses Feuer des
Lebens abzuklingen und wich einer unbarmherzigen Kälte
und dem Fieber.
Er war währenddessen bei ihr gewesen. Er war
immer bei ihr.
Nie ließ er sie länger allein, als für die
wichtigsten Dinge notwendig.

Und so musste er zusehen, wie sie verfiel.
Wie der Stolz und die Schönheit sich langsam aus
ihrem Gesicht schlichen und der Kampf begann.

Sie hatte wahrlich gekämpft.

Doch es war ein aussichtsloser Krieg gewesen.
Von Anfang an.
Und sie hatte kapituliert.

Ich bin müde, hatte sie ihm gesagt, so unendlich müde.
Ich will nur noch meine Augen schließen und schlafen.

Er hatte indess nicht geschlafen.
War bei ihr geblieben.

Der Pastor war gekommen und der Mann hatte ihn verjagt.
Er war richtig wütend, ausser sich hatte er diesen aufdringlichen,
jungen Geistlichen aus seinem Haus geschäucht, der ihm weismachen
wollte, dass es zu Ende war.
Der Mann wusste dass es nicht zu Ende war.
Es konnte nicht zu Ende sein.
Es durfte nicht zu Ende sein.

Doch die Sonne verschwand und langsam nun begann der Mann
in seinem unerschütterlichen Glauben an das Leben
zu schwanken. Er saß am Bett seiner Frau, dass
sie wohl nicht mehr verlassen würde und hielt ihre Hand,
die so heiß war wie die Sonne im August.


Sie sprach nicht mehr.
Ihr Mund bewegte sich zwar noch, doch
über ihre einst so wunderschön weichen Lippen kam kein Wort.
Auch der Mann sprach nicht, als hätte er Angst
mit dem Odem seiner Worte, die feine Kerze ihres
Lebens auszuhauchen.

Die Stille umfing ihn und die ersten
Kerzuen, die nun schon ganz heruntergebrannt waren,
gingen flackernd aus.
Gern hätte er neue geholt, gern hätte er eine
Hundertschaft Kerzen angezündet um die Nacht
nicht in die Stube zu lassen, doch er wollte sie nicht
alleine lassen. Er hatte Angst davor, sie allein zu lassen.

Vom Flur her kamen Schritte den Gang entlang.
Der Mann nahm sie nicht wahr. Er hatte
seinen Kopf an ihre Schulter gelegt und kämpfte
seinen eigenen Kampf.
Gegen die Tränen.

Erst das Klopfen an der Tür ließ ihn aufhorchen.
In der Stille der Nacht schien es ihm so laut,
wie die Trommeln und Pauken einer Kriegskapelle.

Das Klopfen wiederholte sich, doch der Mann war
unfähig diesen späten Gast hereinzubitten.
Er kämpfte immer noch.

Da begannen die Lippen der Frau sich zu bewegen.
Sie formten die Wörter und hätte der Mann es nicht
selbst gehört, so hätte er es für unmöglich gehalten,
fast wie früher sprach sie, laut und deutlich.

"Komm rein, die Tür ist offen. Und wär sie s nicht,
so hielte es dich nicht auf."

Langsam öffnete sich die Tür, wie im Traum.
Ein Geruch von Moder und verrotetem Laub erfüllte
den Raum. Die Gestalt die eintrat war in schwarz gekleidet,
gleich dem ersten Trauergast einer Bestattung.
Ihr Gesicht war nicht das eines Mannes, doch auch nicht
das einer Frau.
In den Augen des Gastes verlohr sich der Betrachter,
aus ihnen schien die Ewigkeit. Es ist unmöglich
ihre Farbe zu erkennen, in allen dunklen Spektren
leuchteten sie. Seine Haut war weiß wie Alabaster und
glatt wie ein Fels in der Brandung, es war die eines Toten.

In der Hand hielt er ein Buch, alt und verschlissen von
den weiten Reisen und den unzähligen Orten an denen es
schon war.

Der Mann gebahr den Gast und verlor seinen Kampf.
Tränen flossen ihm übers Gesicht und zwangen ihn seine
Augen zu schließen. Er konnte die Gestalt nicht ansehen,
hielt nur weieter die Hände der Frau fest.

"Du weißt warum ich hier bin, Frau." sprach die
Gestalt und ihre Stimme war die des Todes.

Die Angesprochene öffnete die Augen und jede Mattheit
war aus ihnen verschwunden. Sie antwortete mit einem
Nicken.
"Ja, ich weiß es und mein Mann weiß es ebenso, wenn
er es auch nicht wahr haben will. Du bist spät."

Das Gesicht des Gastes blieb unbewegt als er sprach:
"Wir gehen, wenn die Zeit gekommen ist. Dein Mann hat sich
noch nicht verabschiedet."

So sah die Frau ihren Geliebten an, der sie so lange
treu begleitet hatte. Ihre Augen waren nicht mehr von dem
Nebel der Krankheit getrübt, sie waren so wie früher.
Klar und hell wie ein Gebirgssee.

"Ich liebe dich," sprach sie, traurig und sanft.
"Doch du musst mich gehen lassen."

Der Mann konnte nicht sprechen. Er wollte es nicht.
Die Tränen verschlossen ihm den Mund und drückten
ihm die Kehle zu.
Er versuchte etwas zu sagen, doch die Frau legte
einen Finger auf seinen Mund.

"Die Zeit der Worte ist vorüber," sagte sie.

Und sp küsste er sie.
Es war der ehrlichste Kuss.
Es war der letzte Kuss.
Der, auf den keine Küsse mehr folgen.
Der, den man nur vom Totenbett bekommt.
Den man nicht stehlen kann, der einem geschenkt werden muss.

Und mit diesem Kuss ließ er sie los und sie ging.

Der Tod öffnete ihr die Tür und wies sie nach draußen.
Der Mann blieb zurück.
Alleine.

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Coda:
Das ist eigentlich schon das Ende der Geschichte,
doch gibt es noch so etwas, wie ein
alternatives Ende, wer es lesen will, soll weiterlesen,
obgleich ich der Meinung bin, dass das obrige reicht.
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Doch bevor der Tod die Tür schloss, sprang
der Mann auf. Er lief zur Tür und flehte den Tod
an, ihn mitzunehmen.
Ihn nicht alleine zurückzulassen.
Er wäre bereit alles zu tun.
Er wäre bereit alles zu tun um mit seiner Frau gehen
zu können, koste es was es wolle.

Der Tod sah ihn an und seine Augen trafen die des Mannes.
Diese Augen, die die Ewigkeit gesehen hatten.
Augen, die kein Mensch, der sie sieht je vergesen kann.

"Wir gehen wenn die Zeit gekommen ist.
Wir gehen wenn es Zeit ist.
Du bist noch nicht soweit.
Für dich ist sie noch nicht gekommen."

Mit diesen Worten drehte der Tod sich
um und ging.


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Nachwort:

Die Geschichte fiel mir auf dem Weg nach Hause ein.
Als ich in der Straßenbahn stand, in den Tunnel
zum Bahnhof fuhr kamen mir die Worte:
"Wir gehen wenn die Zeit gekommen ist
und deine ist noch nicht gekommen."
ein.
Schließlich schrieb ich die Geschichte nieder.
Hier ist sie. Danke.

Donnerstag, 31. Januar 2008

Mitternacht Ende

Der Totengräber schaufelte die lockere Erde aus dem Grab.

Er musst schon fast 5 Fuß tief sein, bald hatte er die mystischen 6 erreicht.

6 Fuß für die Toten. Das Feuer des Öls hatten sein Haar entfacht,

er spürte den Schmerz kaum. Auch auf seinem Mantel brannten

bereits einige Flecken. Er bemerkte es nicht einmal.

Er war wütend auf sich, wütend auf seinen Sohn und

dieses schreckliche gelbe Ungetüm. Er war verzweifelt. Er grub.

Klonk.

Holz.

Er war auf Holz gestoßen. Ein Sarg.

Das Geräusch war jetzt unerträglich laut.

Von überall schien es zu kommen.

Tausend verzweifelter Finger die sich ihre Näge

l am kalten Holz der Särge blutig kratzten.

Er hörte die schrecklichen Schreie der Toten.

Voller Hass und Neid auf die Lebenden.

Das Kreischen fuhr ihm ins Mark und er riss

panisch die Hände hoch um seine Ohren abzuschirmen.

Dann schreit er auf, vor Schmerz.

Und mit einem Mal war es ruhig.

Das Feuer war ausgegangen.

Plötzlich spürte er die Kälte.

Er roch das verbrannte Fleisch auf seinem Kopf.

Der Mond hatte sich durch die Wolken gekämpft

und erhellte nun das Grab in dem er stand.

Auf dem Sarg lagen noch vereinzelt überreste eines Blumenkranzes,

die Schrift darauf war verblasst und unleserlich.

Er hörte die Kirchturmglocke läuten und zählte mit.

Eins, ... zwei, ... drei, ...

Ein Schatten fällt auf das Grab.

vier , ... fünf , ... sechs , ...

Erschrocken wirft sich der Totengräber herum.

sieben , ... acht , ... neune , ...

Eine Gestalt steht über ihm, am Rande des Grabes

zehn , ... elf , ... zwölf , ...

Michael Cunningham greift sich an die Brust und bricht tot zusammen.

Hillington Gazette 14. Oktober 2001

Totengräber schaufelt eigenes Grab.

Gestern Nacht gegen 0.00 sahen zwei Jugendliche aus dem Ort (16,17) einen hellen Schein über dem Friedhof, den die beiden für ein Feuer hielten. Sie arlamierten daraufhin die Polizei und die Feuerwehr. Die Einsatzkräfte fanden daraufhin den leblosen Körper des Totengräbers Michael C. (76) in dem Grab seiner vor einem Monat verstorbenen Frau Elizabeth C. (74) "Wir wissen nicht warum C. das Grab seiner Frau aufgegraben hat, aber laut Gerichtsmedizin ist er wohl voraussichtlich an einem Herzinfarkt gestorben. Aber, irgendwas an seinem Gesicht war komisch, wie eine Fratze zu einem Schrei verzerrt.", so der Einsatzleiter der Feuerwehr Patrick O´Connor. Die Trauerfeier für den Verstorbenen findet am kommenden Freitag um 15.00 in der St.Michael´s Church Hillington statt.



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Nachwort: Das war´s meine Freunde.

Es tut mir leid dass ihr auf das Ende so lange warten musstet, aber ich hatte leider anderes zu tun. Danke für´s mitlesen.

Dienstag, 12. Juni 2007

Mitternacht Teil 9

Er ging los, ohne auf die Richtung zu achten.
Er hatte das Gefühl, dass sie richtig wäre und
er vertraute diesem, obwohl er es nicht kannte.

Er war sich sicher, so etwas noch nie gespürt
zu haben und doch kam es ihm so vertraut vor,
als hätte er dieses Wissen immer schon gehabt.

Er sah nur auf den Boden, um nicht über irgendwelche
Gräber oder weitere Wurzeln zu stolpern.

Plötzlich war er da.
Er stand vor einem Grab.
Das Kratzen war da.
Leise, doch so konkret wie nie vorher.

Vor ihm.
Unter ihm.
Es kam aus der Erde.
Aus dem Grab.

Michael Cunningham dachte nicht nach.
Er sah nicht auf die Inschrift des Grabes
vor ihm.

Die Sturmlaterne fiel ihm aus der Hand
Ihr Glas fiel auf die steinerne Umrandung
des Grabes und zerbrach.
Das Lampenöl floß aus, brannte.
Er beachtete es nicht.
Nichts schien jetzt noch von Bedeutung zu
sein, außer diesem einen Grab, das
da vor ihm lag.

Mit einer geschickten Bewegung, die
er sein Leben lang geübt hatte, immer wieder
und immer wieder, rammte er seine Schaufel
in den feuchten Boden.

Es war ihm, als wäre der Untergrund vor ihm
erst heute morgen aufgeworfen worden.
Wie ein Besessener wühlte er sich in die
nasse Erde.
Das brennende Lampenöl hatte in einer
feurigen Umarmung einen Ring um ihn gezogen.
Es floß um die Umrandung des Grabes und
brannte in einer hellen Corona um ihn.
Er beachtete es immer noch nicht.

Cunningham spürte, dass er sein ganzes
Leben lang auf diesen Augenblick gewartet
hatte. All diese zahllosen Gräber, die vielen
Beerdigungen, die ganze Schufterei, als einzige
Übung für diesen einen Moment.

Er grub wie ein Wahnsinniger.
...

Dienstag, 22. Mai 2007

Mitternacht Teil 8

...
Es war für ihn jedes mal traurig mitanzusehen,
wenn ein Grab nicht per Hand ausgehoben wurde.
Er fand es unwürdig und unpersönlich gegenüber
dem Hinterbliebenen.
Sein Sohn sah nur das Geld.
Ein Grab mit dem Bagger ausgehoben kostet
ihm weniger und macht ihn konkurenzfähiger,
hatte er mal gesagt. Immer nur das Geld vor
Augen vergaßen die alten Bestattungsunternehmer
die Würde und die Ehre, die dieser Beruf eigentlich
mit sich brachte und fixierten sich auf den Gewinn.

Die Zeiten hatten sich geändert, Michael Cunningham
war gleich geblieben, ein Relikt aus älteren Tagen,
mit anderen Wertvorstellungen und Träumen.
Er war überflüssig geworden, das ließ ihn sein
Sohn immer wieder spüren.
Doch er fühlte, dass er richtig war. Jetzt, in diesem
Moment, als er diesem schrecklichem Geräusch auf
die Spur ging, tat er etwas gutes, richtiges.
Es erfüllte ihn mit Stolz.
Aber auch mit Angst.

Er konnte sie langsam an seinem Bein hochkrabbeln
spüren, diese lähmende Furcht vor dem Unbekannten.
Etwas, das er nicht kannte, passierte hier.
Etwas, mit dem er nicht umgehen konnte.
und das beunruhigte ihn zutiefst.

Langsam drehte er sich im Kreis, um zu erkennen
aus welcher Richtung oder welcher Gruft nun dieses
Kratzen kam. Er konnte die Richtung immer noch
nicht bestimmen.
Schließlich beschloss er aufs geratewohl loszugehen
und zu sehen, ob dies die richtige wahr.

Er tat den ersten Schritt in Richtung McMullan Gruft
und stolperte dabei fast über eine Wurzel.
Auch wenn er nicht mehr der Schnellste war und
seine besten Tage schon hinter sich hatte, konnte
er sich doch noch rechtzeitig auffangen.

Er stütze sich auf seine Schaufel und atmete tief
durch, bevor er den nächsten Schritt machte.
Mit seiner Laterne begann er, den Boden auszuleuchten
und ging langsam weiter.
Er entfernte sich von dem Kratzen. Er konnte es
schon nach dem ersten Schritt hören, noch bevor
es eigentlich wirklich leiser wurde.
Michael Cunningham wusste es, schon in
dem Moment, als er beschloss in diese Richtung zu
gehen.

Er konnte es sich nicht erklären, doch tief in
seinem Inneren spürte er wohin er gehen musste.
Doch es gefiel ihm nicht.
Es gefiel ihm ganz und gar nicht.

Donnerstag, 10. Mai 2007

Mitternacht Teil 7

...
Selbst als er versuchte wirklich genauer hinzuhören
konnte er nicht sagen aus welcher Richtung dieser
verfluchte Störenfried sein Kratzen ausschickte.
Er beschloss weiter in die Mitte des Friedhofs zu
gehen um die Richtung herauszufinden.
Diesmal war der erste Schritt beinahe unmöglich.
Wirre Gedanken von Geistern, Guhlen, Zombies
und anderen Untoten Dämonen schwirrten durch seinen
Kopf und lähmten ihn fast vor Angst.

Er sah auf seine Hand, die sich bereits so fest in
die Schaufel gekrallt hatte, dass die Knöchel weiß
hervortraten. Als er versuchte seine Hand zu
entspannen wollte es erst nicht klappen.
Erst beim zweiten Versuch lösten sich die Finger
von dem alten Holz der Schaufel und schickten
eine Welle schrecklichen Schmerzes durch Cunninghams
Körper, auf die er absolut nicht vorbereitet war.
Er unterdrücke einen Aufschrei und krümmte sich
vor Schmerz. Das Pochen in seiner Hand lenkte
ihn ein bisschen von der lähmenden Angst ab,
die ihm noch bis vor kurzem nicht erlaubte einen
Fuß vor den anderen zu setzen.

Als der Schmerz langsam abklang, sah sich
der Totengräber erneut um. Er sah so wenig wie
zuvor, doch das Kratzen hatte sich nun entschlossen,
aus welcher Richtung es kommen wollte.
Es schien seinen Ursprung an der Westseite
des Friedhofs zu haben, dort wo die Grüfter der
wichtigsten Familien der Umgebung lagen.
Hillington war zwar kein großes Dorf, nicht so
groß wie Greenock oder Inverness aber es wohnten
in der Umgebung viele reiche und alte Familienclans
die ihre Toten auf dem Gräberfeld Hillingtons
zur letzten Ruhe betten ließen.

Das Gruftabteil der Clans lag auf einem Hügel im Westteil,
von dort aus hatte man einen wunderbaren Blick
über die Highlands und wenn der Tag klar war, konnte
man sogar das Meer am Horizont sehen.
Vielleicht war der Friedhof desswegen bei den Clans
so beliebt.

Erst letzte Woche hatten sie ein junges Mädchen
aus dem Stirling Clan beerdigt, das von einem pädophilen
aus der Gegend verschleppt, vergewaltigt und schlussendlich
erdrosselt wurde. Es war eine traurige Beerdigung, während
der viele Tränen flossen, die Kleine war sehr beliebt gewesen.
Auch der Mörder, der auf der Flucht von einem Bobby
erschossen worden war, wurde auf dem Friedhof begraben,
doch in einem anderen Winkel, ohne viel Aufhebens.
Er war bei beiden Beerdigungen dabeigewesen und das
Grab des Mörders hatte er selbst ausgehoben. Beziehungsweise
der Bagger hatte es ausgehoben, er hatte nur die
Maße abgesteckt und zugesehen wie das Untier seine Arbeit tat.
...

Mittwoch, 9. Mai 2007

Mitternacht Teil 6

...
Michael Cunningham schlich sich die Mauer entlang
bis er endlich das Loch gefunden hatte. Im Schein
seiner Laterne wirkte es wie das Tor zur Hölle selbst.
Die roten Backsteine reflektierten das Licht so falsch,
das sie in einem unwirklichem Glimmern zu leuchten schienen.

Er schrak zurück.
So etwas hatte er noch nie gesehen. Cunninghams Hände
schlossen sich fester um seine Schaufel und er spürte
den Angstscheiß auf seiner Stirn. Durch das Loch konnte er
die erste Gräberreihe im Schatten sehen, die Kreuze
ragten wie die Hände der Toten selbst aus dem Boden
und einer der Grabsteine schien in einem blauen Glimmer
zu glühen. Es war das Grab der McGylans, in dem
der Junge lag, der für das Loch in der Friedhofsmauer
verantwortlich war.

Der Totengräber kniff die Augen zusammen, als er sie wieder
aufmachte war das rote Glühen verschwunden und die Gräber
lagen wieder in ihrer gewohnten Ruhe da.
Seine Fantasie hatte ihm einen schlimmen Streich gespielt
und er wäre auf seine alten Tage schon beinahe darauf herein
gefallen.
Er trat durch das Loch, dass zuvor noch wie der Schlund der
Hölle ausgesehen hatte und jetzt kalt und tot wie alles
andere hier dalag. Er sah die vertraute Umgebung, die
Kreuze und Steine, die Skulpturen und Gruften. Viele
dieser Gräber hatte er eigenhändig noch ausgegraben,
bevor sein Sohn die Firma übernommen und einen
Bagger angeschafft hatte.

Cunningham hielt nicht viel von dem gelben Ungeheuer.
Es war zu groß und machte zu viel Lärm. Es nahm der
Arbeit die persönliche Note. Er fand es immer berührend
und wichtig, das Grab für jemanden, den man kennt
selbst mit der Schaufel auszuheben. Es hatte etwas
intimes und viele der Leute im Dorf wussten das zu
schätzen. Aber die meisten schätzten es mehr, dass
der Bagger billiger war und dadurch ein Grab innerhalb
einer Stunde ausgehoben und wieder zugeschüttet war.

Die jungen Leute wollten ihre Toten so schnell wie
möglich los werden. Es schien ihm, als habe keiner
mehr Respekt vor den Gestorbenen.
Michael Cunningham bekreuzigte sich, wie immer,
wenn er den Friedhof betrat und schritt dann
weiter in das Gräberfeld. All die Gedanken über den
jungen McGylan und diesen schrecklichen Bagger
hatten ihn fast den Grund vergessen lassen,
warum er zu so gottverlassener Zeit auf dem
Friedhof war.

Er horchte.
Das Kratzen war jetzt wieder etwas ferner als
noch vor der Mauer, doch er konnte es genau hören.
Jedoch ließ sich nicht genau feststellen, von welcher
Seite es kam. Es schien als würde das Geräusch wandern,
als wenn alle Toten in ihren Gräbern erwacht wären
und nun versuchten sich aus ihren Särgen zu kratzen.

...

Dienstag, 8. Mai 2007

Mitternacht Teil 5

Im schmalen Schein seiner Sturmlaterne konnte er
erkennen, dass er sich bereits dem Friedhof näherte,
er hatte jedoch den eigentlichen Weg verlassen.
Da er genau auf das seltsame Geräusch zusteuerte,
war er etwas abseits auf einer Wiese vor der Friedhofsmauer
gelandet.

Er hörte kaum ein Geräusch, wenn er mit seinen Füßen
im aufgeweichten Moos der Wiese einsank.
Langsam tauchte vor ihm die alte Friedhofsmauer auf.
Wie eine verfallene Ruine der Griechen, erhob sie sich zu
ihrer völligen, einst stolzen Größe, der Wind und Regen
stark zugesetzt hatten. Die roten Backsteine waren zu
einem traurigen, staubigen dunkelrot verblasst und der
Mörtel bröckelte aus allen Fugen.

Vor etwa zwei Jahren war einer dieser jungen Rabauken
aus dem Nachbardorf einmal mit seiner alten Rostlaube
betrunken unterwegs gewesen und hatte die Kurve neben
dem Friedhof nicht mehr geschaft. Er war mit knappen
60 Meilen die Stunde in die Mauer gerast und hatte ein
Loch hineingeschlagen, so als ob er auf dem direkten
Weg zu seinem Grab wolle.
Der Bengel war sofort tot.
Die Ironie war umso schrecklicher, als das einzige Grab,
dass er dabei wirklich beschädigte, das seiner Familie und
somit sein eigenes war. Es stand eine Woche lang in
allen Zeitungen, doch am Tag der Beerdigung selbst,
war es bereits wieder vergessen, wie so ziemlich alles
hier draußen schnell vergessen wird.

Das Loch dass der alte VW in die Mauer gerissen hatte,
war nie geschlossen worden, nur die Backsteine wurden nach
und nach von den Kindern der Maygels weggetragen um
damit wohl irgendeinen Unfug anzustellen.
Seitdem war das Loch jedes Jahr etwas größer geworden
und Michael Cunningham benutzte es sehr oft, wenn er
auf dem Weg zur Arbeit nicht den langen Weg um den
Friedhof herum zum Hauptportal nehmen wollte.
Auch diese Nacht hatte er vor es zu verwenden.

...